Mannheim (ddp-bwb). Die Zahl der dramatischen Fälle, um die sich die Helfer des Tierheims Mannheim kümmern müssen, nimmt zu. «Immer mehr Menschen haben einfach kein Geld mehr, um ein Tier zu halten und es beispielsweise zum Tierarzt zu bringen», sagt der Vorsitzende der Einrichtung, Herbert Rückert. Er berichtet von unterernährten und schwer kranken Tieren, die leiden, weil die Halter nicht einmal die notwendigsten Dinge bezahlen können. Zumindest was das Futter angeht, soll es vom 12. Januar an Hilfe in der Stadt geben. Dann eröffnet Baden-Württembergs erste Ausgabestelle des bundesweit agierenden Vereins Tiertafel. Hier können Menschen mit geringem Einkommen umsonst Futter für ihre Tiere abholen.

Seit Wochen laufen die Vorbereitungen, im Lager am Mannheimer Eisenlohrplatz stapeln sich Tüten mit Hunde- oder Katzenfutter. Über mangelnde Spendenbereitschaft kann sich Annette Elm, die Leiterin der neuen Mannheimer Ausgabestelle für Tierfutter, nicht beklagen. «Wir bekommen viel Zuspruch. Private Spender, die wir in den vergangenen Wochen in Supermärkten angesprochen haben, aber auch Firmen beteiligen sich an unserem Projekt», berichtet die 46 Jahre alte Hausfrau.

Vor allem an bedürftige Katzen- und Hundehalter richte sich das Angebot, aber auch Besitzer von Vögeln oder Nagern könnten sich künftig immer freitags Futter abholen. Dabei handelt es sich um Futter nahe am Ablauf des Haltbarkeitsdatums, aber auch um Katzenstreu, Hamsterkäfige oder Decken.

Gemeinsam mit knapp einem Dutzend ehrenamtlichen Mitstreitern will Elm künftig dazu beitragen, die Not zu lindern. Die Ausgabestation für Tiernahrung soll den Tierhaltern eine Stütze im Alltag sein. Sie können unter Vorlage einer Bescheinigung einmal in der Woche Essensrationen für maximal vier Tiere erhalten. «Wir wollen schließlich nicht fehlgeleitete Tierliebe durch exzessives Sammeln von Tieren unterstützen, also das Animal-Hoarding fördern«, sagt Elm. Damit folgen die Mannheimer den Statuten des Vereins Tiertafel Deutschland, der sich um »eine sinnvolle Einschränkung der Tierhaltung in einer wirtschaftlich schlechten Situation« bemüht.

Wenige Tage vor dem Start der Ausgabestelle ist noch unklar, wie viele Bedürftige das Angebot in Anspruch nehmen werden. »Wir haben einen großen Einzugsbereich. Ich gehe davon aus, dass etwa 150 Tierhalter allein aus Mannheim kommen«, sagt Elm. Doch die Zahl dürfte wohl noch steigen. Denn nicht nur Obdachlose, sondern auch »Hartz IV«-Empfänger aus dem Umland können kommen. »Möglich, dass wir irgendwann den Andrang nicht mehr bewältigen können. Dann müssten wir mit Blick auf den Wohnort der Betroffenen neue Zugangsregeln aufstellen«, sagt sie.

Elm hält es durchaus für wünschenswert, dass auch bedürftige Menschen Tiere halten. Schließlich gäben Haustiere im Alltag Halt und Struktur, selbst wenn die tägliche Arbeit oder soziale Kontakte weggebrochen seien. Um jenen Tierhaltern das Leben zu erleichtern, wolle man nicht nur gespendete Futterrationen verteilen, sondern auch Informationen rund um das Tier weitergeben, etwa wenn es um artgerechte Haltung geht, oder welcher Arzt möglicherweile ehrenamtlich einen Hund behandelt.

Auch aus Sicht des Tierschutzverbands in Baden-Württemberg wirkt sich die in Deutschland zunehmende Armut immer stärker auf die Versorgung von Haustieren aus. Viola Peter vom Vorstand des Landesverbands sagt, es sei »ein wichtiges Zeichen, dass im Januar die erste Tiertafel Baden-Württembergs in Mannheim öffnet«. Viele »Hartz IV"-Empfänger könnten nicht mehr die Arztkosten für ihre Haustiere zahlen.

»Wir beobachten seit einiger Zeit, dass etwa Arbeitslose, Rentner oder Sozialhilfeempfänger große finanzielle Schwierigkeiten haben, wenn es darum geht, die Tiere nach Unfällen medizinisch versorgen zu lassen«, sagt Peter. Noch vor wenigen Jahren habe es solche Fälle nur vereinzelt gegeben. Mittlerweile seien Tausende Tierhalter in Baden-Württemberg betroffen.

Besonders problematisch sei es, dass eine steigende Zahl bedürftiger Halter aufgrund finanzieller Engpässe ihre Haustiere nicht mehr kastrieren ließen. Das bedeute, dass sich gerade Katzen und Hunde dort vermehrten, wo ohnehin Versorgungsprobleme bestünden.

(ddp)

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